Grundsteinlegung zum Gemeindeamt - Chronik der Gemeinde Dörfel

Die Chronik der Gemeinde Dörfel wurde in den Jahren 1921 - 1957 von Kurt Jokisch erstellt.
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Grundsteinlegung zum Gemeindeamt

Das Dorf > Gemeindeamt und Verwaltung

Abschrift der Urkunde, die bei der Grundsteinlegung des Gemeindeamtes am 3. September 1926 eingemauert wurde


In schwerster wirtschaftlicher, finanzieller Zeit ist durch den Drang derzeitiger Verhältnisse die Gemeindevertretung zu dem Entschlusse gekommen, ein eigenes Heim ihrer Ortsbehörde zu schaffen.
Neben Schul-, Armen- und Spritzenhaus wird i. J. 1926 ein Gemeindeamt mit Wohnung für den Bürgermeister, Schutzmann und einem ledigen Lehrer errichtet.
Wie bei Beginn des Schulhausbaues i. J. 1892 so gab es auch jetzt in der Einwohnerschaft gegenteilige Meinungen über das "Wie und Wohin?". Dank der Beharrlichkeit der derzeitigen Gemeindeverordneten wurde nach allseitiger Erwägungen der Bau beschlossen und hierzu der Gemeinde eigenes Bauland in 560 m Höhe über dem Meeresspiegel, in Mitte des Ortes bestimmt.
Der Bau ist an den gebürtigen Dörfeler Baugeschäftsinhaber Emil Martin in Annaberg ohne Bauholz und Grundmauersteinen zur schlüsselfertigen Übergabe vergeben worden. Das Bauholz wurde aus dem eigenen 42 ha großen Fichtenwald geschlagen. Die Steine dagegen zum Teil von Landwirten und aus dem, dem Erbgerichtsbesitzer August Einenkel gehörigen Bruch bezogen. Steine und Holz fuhren kostenlos mit wenigen Ausnahmen die hiesigen Landwirte. Einige Erwerbslose leisteten dabei umsonst Hilfe, deren Zur Zeit männlich 22, weiblich 10 vorhanden sind.
Mit Bauarbeit wurde begonnen am 9. August 1926. Man hoffte den Bau bis Ende dieses Jahres fertigzubringen, eine Notwendigkeit, um dem gegenwärtigen Bürgermeister bei der herrschenden Wohnungsnot hier Wohnung zu schaffen.
Etwa 28000 Reichsmark Schulden entstehen jetzt der Gemeinde.
Um späteren Geschlechtern ein Zeitbild jetziger und früherer Verhältnisse, sowie über die Ortsgeschichte zu übermitteln sei folgendes nach Mölglichkeit der Ermittelungen kurz festgelegt.
Über die Gründungszeit Dörfels läßt sich nichts Genaues ermitteln, nur daß es älter ist als Annaberg (1496) und wohl Bauern die ersten Ansiedler gewesen sind. Ums Jahr 1308 gehörte unser Dorf mit noch 5 anderen zur Herrschaft Pöhlberg oder Bahlberg. 1414 kommt Dörfel in markgräflichen Besitz. 1553 verschrieb es Kurfürst Moritz mit andern Dörfern der Stadt Annaberg. 1814 wird berichtet: Es ist ein unmittelbares Amtsdorf im Erzgebirgischen Kreis im Amt Grünhain, 1/2 Std. nördlich von Schlettau auf dem rechten Ufer der Zschopau gelegen mit 224 Einwohnern.
Verschwunden sind das Pochwerk, das einst in der Nähe der Schmidtschen Brauerei gestanden hat und das Brech- oder Darrhaus. Es stand unweit der Talstraße an der Waldecke. In der Zeit 1860 bis 1880 wurden über 20 Personen vom Oktober bis Dezember täglich nachts 1 bis nachmittags 4 Uhr in letzterem beschäftigt.
Die heutige Pappenfabrik war vor verschiedenen Bränden eine Mühle, eine Mehlquetsche, die bis 1833 zum Erbgericht gehörte.
Das Erbgericht ist das letzte Mal 1860 abgebrannt. Dazu gehörte die Schank- und Tanzgerechtigkeit und der Salzschank (Verkauf); bis zum 2. Brand (1860) bestand auch ein Fleischereibetrieb. Bis 1860 lag die Gerichtsbarkeit dem Erbrichter ob, von da ab ging sie auf ein Gemeindemitglied über.
Vor Krieg und Kriegsschrecken ist Dörfel im Laufe der Jahrhunderte nicht verschont geblieben. Viele Kriegssteuern sind zu zahlen gewesen und Lebensmittel waren abzuführen, so in den Jahren 1429, 1547, 1632, 1654 (12 Scheffel Hafer und 2 Scheffel Korn mußten nach Dresden gefahren werden), 1762. 1813 befand sich auf der Höhe zwischen den noch heute bestehenden Gütern "Sauwald" und dem Dorfe Frohnau ein Lager.
Im Kriege 1870/71 zogen 6 Krieger von hier gegen Frankreich, die ohne besondere Schäden heil heimkehrten. Während am letzten Weltringen 1914/18 etwa 93 zu Kriege zogen und davon 23 im Alter von 21 bis 34 ihr Leben lassen mußten.
Während dieses Krieges trat Nahrungsmittelnot ein und fast alle Lebensbedürfnisse durften nur gegeb Bezugsmarken abgegeben werden.
1910 zählte Dörfel 513 Einwohner, heute 503.
Die Ortsflur ist ca. 510 ha groß und hat 75 bewohnte Gebäude.
An selbständigen Gewerbetreibenden sind außer landwirtschaftlichen Betrieben vorhanden: 1 Bäckermeister, 2 Materialwarenhändler, 1 Klempner-, 1 Schmiede-, 1 Stellmacher-, 1 Tischler-, 2 Zimmer-, 2 Maurer-, 1 Schneidermeister und 3 Schuhmacher.
Weiter sind vorhanden 1 Gasthof (Erbgericht) und eine Pappenfabrik.
Seit 1911/12 haben wir elektrisches Licht und Kraft und solche Straßenbeleuchtung.
Seit 1922 besitzen wir ein eigenes Standesamt und eigene Girokasse, mit diesen Einrichtungen wir vorher mit dem noch eingepfarrten Hermannsdorf gehörten.
Der Viehbestand betrug am 1. Dezbr. 1925: 35 Pferde, 428 Rinder, 46 Ziegen, 145 Schweine, 736 Stück Federvieh, 13 Bienenvölker und 60 Kaninchen.
Die Gemeinde selbst besitzt außer dem angegebenen Wald noch 13 ha Feld- und Wiesengrundstück und hatte 1913 an Vermögen noch ca. 15000 M in Spareinlagen, die infolge in den Jahren 1919 bis 1923 eingetretener Geldentwertung heute etwa noch dem zehnten Teil entsprechen.
Diese Geldentwertung hat zur Verarmung der Deutschen Bevölkerung geführt. Welche große Zahlen im deutschen Wirtschaftsleben entstancden, zeige folgendes:

1 kg Rindfleisch 1919:

3,70 M

Oktober 1922:

4

Ende Oktober 1923:

3.000.000.000

1 kg Hausbrot 1919:

-,50 M

Oktober 1922:

17

Ende Oktober 1923:

680.000.000

1 Herrenanzug 1919:

357 M

Oktober 1922:

19.500

Ende Oktober 1923:

645.000.000

1 amerikanischer Dollar, der 1914 hier 4,20 M kostete, kostete am 23. Novbr. 1923  4.210.500.000.000 M.
Mit diesem Zeitpunkt begann Deutschlsnds feste Geldwertung und zwar 1.000.000.000.000 (1 Billion) war eine Goldmark, später Reichsmark.
Eine 35 Mann starke uniformierte Ortsfeuerwehr, sowie 37 Mann Pflichtfeuerwehr, denen 2 Feuerspritzen zur Verfügung stehen, helfen schützend bei Feuergefahren im Orte und den Nachbarorten.
Über das Schulwesen ist bekannt, daß bis zum Jahre 1811 in Dörfel kein eigenes Schulgebäude bestand. Die Kinder zogen mit ihrem Lehrer von Haus zu Haus, zuletzt waren sie in Hermannsdorf eingeschult.
Das Nachbarhaus der heutigen Schule als solches wurde errichtet, mehrere Male umgebaut und 1893 für 3010 Mark verkauft.
Das heutige Schulhaus entstand 1891/92 für 14210 M und wurde am 16. September 1892 geweiht.
Gegenwärtig werden 51 Kinder von 1 Lehrer, 1 Wanderlehrer und 1 Nadelarbeitslehrerin unterrichtet.
Eine Bücherei besteht unter Verwaltung des jeweiligen Lehrers seit 1892 mit 554 Büchern.
Die Gemeindegeschäfte wurden geleitet durch

Gemeindevorstand und Landwirt Karl August Bärthel

1864 - 1874

Gemeindevorstand und Landwirt Friedrich August Einenkel

1874 - 1884

Gemeindevorstand und Landwirt August Moritz Peter

1884 - 1908

Gemeindevorstand und Zimmermann Karl August Huß

1908 - 1920

Gemeindevorstand und Landwirt August Ottomar Einenkel

1920 - 1926.

Seit 16. Febr. 1926 ist berufsmäßiger Bürgermeister Paul Emil Hofmann.
Stellvertreter für das Bürgermeisteramt und Standesamt ist seit 1924 Schulleiter Kurt Jokisch.
Als derzeitige Gemeindevertreter sind tätig:

Paul Schmidt, Brauereibesitzer und Friedensrichter,

Oskar Fiedler, Landwirt und Ortsrichter,

Emil Seidel, Fabrikarbeiter,

Kurt Jokisch, Lehrer und stellvertretender Bürgermeister,

Willy Dietze, Bauarbeiter,

Rudolf Wagner, Landwirt,

Hugo Einenkel, Wirtschaftsgehilfe.


Vorstehende Urkunde wurde von den Unterzeichneten gefertigt und heute am Tage der Grundsteinlegung mit einigen Geldscheinen und einem Ortsbild versehen, verschlossen, durch Einmauern im niederen Hausgiebel unserer Nachwelt zu Nutz und Frommen übergeben.

"Gottes schützende Hand walte in diesem Hause und in unserm Ort immerfort!"
Dörfel, am 3. September 1926.
Emil Hofmann, Bürgermeister.
Kurt Jokisch.

copyright (c) 2011 / 2012 Gert Süß
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